
Die Kuratorinnen von SONIC MATTER haben sich gegenseitig jeweils drei Fragen gestellt dazu, was sie bei der Gestaltung der Plattform und des Festivals antreibt.
LISA NOLTE: Die Festivalausgabe 2023 ist in gewisser Weise ein Bogenschluss: Wir beenden damit die dreijährige Pilotphase, mit der SONIC MATTER 2021 gestartet ist – mit viel Energie, Ideen, Wünschen für das Experiment mit dem Klang, manchmal vielleicht auch ein bisschen blauäugig. Bevor überhaupt die Idee zu SONIC MATTER entstanden ist, warst du aber schon lange als Komponistin und Pädagogin tätig. Was hat dich angeregt, zusätzlich ein Festival ins Leben zu rufen? Inwiefern beeinflussen sich deine kuratorische und künstlerische Aktivität?
KATHARINA ROSENBERGER: Zu kuratieren hat mich schon seit einiger Zeit fasziniert, und das Interesse an dieser Aufgabe wuchs, nachdem ich die Gelegenheit hatte, musikalische Veranstaltungen an verschiedenen Orten zu kuratieren – und merkwürdigerweise auch eine Video- und Lichtkunstausstellung in San Francisco. Auch das Format von Festivals liebe ich einfach, die Intensität, Musik oder Kunst zu schätzen, die Dichte der Stimulation und Sinneseindrücke, das Mischen und der Austausch mit Menschen. Im Jahr 2019 hatte ich ein Vorstellungsgespräch, und die Frage kam auf, ob ich einen Wunsch hätte, abgesehen vom Komponieren und Unterrichten, was wäre das? Ich habe sofort reagiert, ohne viel nachzudenken – ein Festival leiten! Und da haben wir es, ein Jahr später haben du und ich darüber nachgedacht, ob wir auf den Aufruf der Stadt Zürich reagieren sollten, ein Initiative für ein neues Festival für zeitgenössische Musik für Zürich zu starten oder nicht. Nun, ich bin so froh, dass wir es getan haben! Es bereitet mir immense Freude, Künstler:innen sowie ihre Arbeit zu unterstützen, insbesondere jenen Sichtbarkeit zu bieten, die noch nicht an jeder Ecke gespielt werden, oder solchen, die nicht so leicht in die Schweiz reisen können. Es bedeutet, unserem Publikum echte Entdeckungen zu bieten.
KATHARINA ROSENBERGER: SONIC MATTER, eine Plattform für experimentelle Musik, beendet mit dem Festivalthema «LEAP» den dreijährigen Zyklus des Pilotprojekts. Was war die wichtigste Einsicht, die du gewonnen hast?

Katharina Rosenberger (Bild © Kaspar Ruoff)
LISA NOLTE: DIE eine wichtigste Einsicht könnte ich gar nicht benennen. Für das nicht ganz unambitionierte Anliegen der Plattform, Kunst aus anderen Weltregionen für das Zürcher Publikum zugänglich zu machen, und zwar nicht als Ausstellungsstück, sondern als Ausdruck des Lebens in anderen Teilen der Welt, war eine zentrale Erfahrung, dass man immer mehr Zeit braucht. Zeit zum Kennenlernen, Zeit für die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen, die dabei aufeinandertreffen, Zeit, um gemeinsam den passenden Rahmen zu entwickeln. Unser Ansatz dafür in der Pilotphase war ein jährlich gesetzter geografischer Fokus. Ein zugegeben etwas hilfloser Versuchsballon, der natürlich exorbitant pauschalisierend ist. Das zeigt sich in diesem Jahr mit besonderer Deutlichkeit: der Fokus liegt auf Westasien und wir haben Künstler:innen aus verschiedenen Ländern der Region. Dieser Fokus steht seit vier Jahren fest – und dennoch war nicht ausreichend Zeit, sich auf eine Situation wie die vorzubereiten, in der wir uns heute wiederfinden.
LISA NOLTE: Das SONIC MATTER Festival nimmt jedes Jahr künstlerische Beiträge aus einer anderen Region in den Fokus. Eine Frage, die ich mir selbst oft stelle: Was bringt so ein grografischer Schwerpunkt?
KATHARINA ROSENBERGER: Wir Europäer:innen waren sehr stark auf unsere eigenen Kreise europäischer Künstler:innen fixiert, ebenso wie auf jene, die ihre Heimat verlassen haben, um in Europa zu studieren oder zu leben.
Ich bin sehr neugierig und hungrig darauf, andere Hotspots der experimentellen Musikszene zu entdecken, an Orten in der Welt, wo Künstler:innen unter völlig anderen Umständen arbeiten und leben als wir, manchmal neben drastischen Herausforderungen, sei es wirtschaftlicher oder politischer Art. Wie bewahren diese Künstler:innen ihre Stärke, ihre Motivation und Hoffnungen, um weiter zu arbeiten?
Wie drücken sie sich künstlerisch in ihrer Umgebung und der Gesellschaft aus, in der sie leben? Es ist ungemein bereichernd, diese unterschiedlichen Communitys von Musikerinnen und Musikern zusammenzubringen und sie auf den Bühnen von SONIC MATTER auftreten zu lassen.
Nun, in diesem Jahr werden unsere Zuschauer ganz besondere Komponist:innen und Performer:innen aus Libanon, Iran, der Türkei, Kenia, Ruanda, Belgien, den Niederlanden und vielen anderen Ländern erleben.
KATHARINA ROSENBERGER: Die zeitgenössische klassische Musik ist eine Kunstform, die oft als Nische wahrgenommen wird. Für ungeübte Zuhörer:innen mag sie befremdlich erscheinen, während unter den versierten Zuhörer:innen geteilte Meinungen herrschen, bedingt durch die breite Palette an unterschiedlichen Stilen und ästhetischen Ausrichtungen, die sie umfasst. Angesichts dieser vielschichtigen Dynamik, welche Schlüsselaspekte würdest du einem erfolgreichen Kuratorium zuschreiben, um dem Publikum nicht nur ein genaueres Verständnis, sondern auch eine ansteckende Begeisterung für zeitgenössische Musik zu vermitteln?
LISA NOLTE: Die Idee, dass man Musik «verstehen» muss, um ihr etwas abgewinnen zu können, hat mich schon immer befremdet. Sie setzt alle Beteiligten – von den Künstler:innen bis zum Publikum – extrem unter Zugzwang und ist ein Spezifikum der zeitgenössischen klassischen Musik. Dass sich diese Idee derart festgesetzt hat, kann ich mir nur aus der Entstehung des Genres im 20. Jahrhundert erklären, in dem Komponisten genötigt wurden, ihr Recht auf Individualität und Komplexität zu behaupten. Ist es zu flapsig, ihnen vorzuwerfen, dass sie den Köder geschluckt haben? Ich finde Komplexität essentiell. Ohne sie wäre die fantastische Vielfalt, die du oben erwähnst, gar nicht möglich. Aber die Komplexität, die die zeitgenössische Musik zum Teil in sich trägt, wird oft direkt in das Vokabular übertragen, mit dem über sie gesprochen wird. Damit hat sie sich ein Stück weit selbst in eine Nische manövriert und ich habe den Eindruck, dass sie sich ihre Protagonist:innen dort zum Teil auch ganz gut gefallen. Denn diese Nische ist im Akademischen verortet. Das ist ein Qualitätssigel und zugleich ein extrem exklusiver Ort. Hören ist aber etwas sehr intimes – ob nun im gestuhlten Konzert, wo die Möglichkeit gegeben sein muss, sich ganz und gar in den Klang zu vertiefen, oder beim Tanzen, wo sich jeder frei fühlen sollte, komplett loszulassen. Diese Intimität ist nicht möglich, wenn der Eindruck vorherrscht, dass man ein Werk falsch verstehen bzw. falsch hören kann oder dass man nicht in den Kontext passt, in dem es erklingt. Eine erfolgreiche Kuration lässt sich für mich insofern unter anderem daran messen, ob es gelingt, Hörsituationen entstehen zu lassen, in denen alle, die an einer Veranstaltung interessiert sind, sich eingeladen fühlen, die Musik auf ihre eigene Art zu erleben.
Umgekehrt ist SONIC MATTER keine Plattform für zeitgenössische Klassische Musik – was immer diese Bezeichnung heute noch bedeuten mag. Es geht explizit um «experimentelle» Musik, unabhängig von der Stilrichtung. Wenn SONIC MATTER als Raum dienen kann, in dem sich klingende Experimente voll entfalten können, wäre auch das ein kuratorischer Erfolg.
LISA NOLTE: Über die ersten drei Ausgaben von SONIC MATTER spannt sich die thematische Trias «TURN – RISE – LEAP». Das diesjährige Motto «LEAP» weist auf das Bestehen von Distanzen und Unvorhersehbarkeiten hin, aber auch auf deren Erkundung oder Überwindung. Wo siehst du im Festivalprogramm den kraftvollsten «LEAP», wo einen mutigen? Und in welche Zukunft bewegt sich SONIC MATTER mit dem diesjährigen «LEAP»?

Lisa Nolte (Bild zVg)
KATHARINA ROSENBERGER: Ich denke, wir haben für Zürich einige grossartige «LEAPs» parat, und das liegt an der gelungenen Kombination aus Acts und Künstlerinnen, die wir vereinen. Unser Eröffnungskonzert zum Beispiel präsentiert gerade frisch geschriebene, kühne neue Kammerwerke mit Elektronik von drei aufstrebenden Komponistinnen aus Westasien, interpretiert vom fantastischen Ensemble Contrechamps, kombiniert mit zwei Veteranen der libanesischen Free-Improvisation-Szene, sie nennen sich «Whormholes», das neben dem Klang sein Publikum in einen Strudel aus projizierten Live-Spielerei mit flüssigen Farben zieht. Und der krönende Abschluss des Abends gestaltet sich mit Shiva Feshareki, einer ambisonischen Turntablistin.
Oder, am Freitag, dem 1. Dezember, zeigt unsere Borderline Club Culture eine temperamentvolle junge Generation von Klangkunstkollektiven, Spectres aus Zurich und Frequent Defect aus Beirut, dies sind äusserst talentierte Performer:innen und DJs, die die Tanzfläche bis tief in die dunkle Winternacht hinein zum Brodeln bringen.
KATHARINA ROSENBERGER: Wer unser Programmheft für 2023 aufschlägt, wird unmittelbar daran erinnert, dass wir in einer von Krisen behafteten und von Gewalt durchzogenen Realität leben. Was ist die Aufgabe eines Kuratoriums in Zeiten der Krise? Stichwort «Zukunft kuratieren», welche Visionen und Ziele würdest du in diesem Kontext formulieren? Wohin führt idealerweise «der Sprung»?
LISA NOLTE: Ich finde es wichtig, ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen dem Angebot, Krisen zu thematisieren und zu verhandeln, dabei aber nicht in Alarmismus zu verfallen, sondern anzuerkennen, dass die meisten von ihnen zu vielschichtig sind, um zum Beispiel in einer einzelnen Produktion abschliessend reflektiert zu werden. Kunst lebt davon, dass sie nicht auf Klickraten angewiesen ist. Damit wären wir wieder beim Thema «man braucht immer mehr Zeit». Das schliesst übrigens auch Zeitfenster für Eskapismus ein, die die Musik wie keine andere Kunst öffnen kann. Ich hoffe darum, dass wir uns mit dem «LEAP» in eine Festival- bzw. Plattformzukunft bewegen, in der Lebensrealität und Lebensfreude gleichermassen Platz haben.