ΦΛΈΓΡΑ

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ΦΛΈΓΡΑ
Zeit Donnerstag 01. Dezember 2022
19:30 – 21:00
Venue Rote Fabrik Zürich / Aktionshalle
Seestrasse 395
8038 Zürich
Genre Eröffnungskonzert
Teilnehmende
  1. Laure M. Hiendl
  2. Iannis Xenakis
  3. Collegium Novum Zürich
  4. Gregory Charette
Beschreibung

Rote Fabrik / Aktionshalle

Geeignet für alle, die gern 90 Minuten sitzen und lauschen.

18:40 – Einführung

Programm

Iannis Xenakis: «Φλέγρα / Phlegra» (1975)
für elf Instrumente

Laure M. Hiendl: «‹Seht meine Wunden und an meinen Beinen, die Narben meiner Wunden› (denn wir sind lange gewandert)» (2022)
für grosses Ensemble
Uraufführung*


Collegium Novum Zürich
Gregory Charette – Leitung

Beschreibung

Der Philosoph Édouard Glissant sah die Schönheit einer Landschaft in ihren Differenzen, nicht im Vereinheitlichenden. Dem folgt Laure M. Hiendls neues Werk: Ihm liegt die Idee einer Klanglandschaft als bewegtem Stillleben zugrunde, aus dem Details herausgearbeitet und immer wieder umorganisiert werden zu einem Klangbild, das sich ständig in sich selbst verändert. Eine andere Art von heterogener Landschaft entwickelt Iannis Xenakis’ «Phlegra». Hier begegnen und überlagern sich gegenläufige musikalische Texturen. Der Titel meint das Schlachtfeld aus der griechischen Mythologie, auf dem sich die Titanen und die neuen olympischen Götter bekriegten.

Das Eröffnungskonzert wird von Radio SRF2 Kultur aufgezeichnet. Das Sendedatum erfahren Sie hier in Kürze.

Koproduktion: Collegium Novum Zürich
Kooperation: Rote Fabrik Zürich / Musikbüro
*Werkauftrag Laure M. Hiendl: Collegium Novum Zürich,
finanziert von der Ernst von Siemens Musikstiftung

Beschreibung

WERKKOMMENTARE


Iannis Xenakis: «Phlegra» (1975)
für elf Instrumente / 13'

«Phlegra» ist eine einsätzige, dreizehnminütige Komposition für ein Ensemble von elf Instrumenten, die 1975 für die London Sinfonietta entstand und 1976 von ihr uraufgeführt wurde. Phlegra ist das Schlachtfeld aus der griechischen Mythologie, auf dem der Kampf der Titanen gegen die neuen Götter des Olymps stattfand.
«Wie in anderen meiner letzten Kompositionen habe ich auch hier die Konstruktion von Texturen und deren Organisation auf einer höheren Ebene fortgesetzt. Ich beziehe mich auf Texturen in einem allgemeinen Sinne von Form. Zum Beispiel entwickle ich zunächst ein melodisches Gewebe in den Holzblasinstrumenten; parallel dazu entsteht eine Art aleatorischer Marsch in den Streichinstrumenten als zweites Element. Ein drittes sind repetierte Töne, die strengen rhythmischen Regeln gehorchen, und so weiter. Texturen im Sinne von Form sind für mich der Grundstein von Kunst und Wissenschaft.» – Iannis Xenakis (Übersetzung: Matthias Arter)


Laure M. Hiendl: «»Seht meine Wunden und an meinen Beinen, die Narben meiner Wunden« (denn wir sind lange gewandert)» (2022)
für grosses Ensemble / 60
Uraufführung*

«»Seht meine Wunden und an meinen Beinen, die Narben meiner Wunden« (denn wir sind lange gewandert» ist eine Komposition für Ensemble, die sich mit musikalischen Formen räumlichen Denkens im Konzertformat beschäftigt. Diese Arbeit geht bewusst nicht den Weg einer Installation mit einer Verteilung von Musiker:innen im Raum. Stattdessen möchte sie ein traditionelles Konzert-Setting auf sein Potenzial hin untersuchen, Musik als Raumkunst erfahrbar zu machen, die sich durch ihre musikalische Formsprache als solche erst artikuliert. Sie vertritt einen Begriff der Räumlichkeit, der nicht primär materiell gedacht ist: Musikalischer Raum ist auch und insbesondere eine Metapher für im weitesten Sinne nicht-lineare, de-dramatisierte Gestalten musikalischer Gestik – für eine Klanglandschaft, die uns nicht erzählen will. Sie ist einfach da. Als Zuschauende und -hörende können wir sie einzig bezeugen.
Die formalen Mittel, mit denen im Konzertformat eine musikalische Räumlichkeit erzeugt werden soll, entstammen einem Denken, das von den Techniken digitaler Komposition geprägt ist und das diese Strukturen auf instrumental- akustische Komposition und Instrumentation übertragen möchte. Konkret geht es dabei um die Technik des Samplings, die, an Stelle von Audiodateien, auf Partiturausschnitte angewendet wird. Als ideales Ausgangsmaterial wurden wegen seiner harmonischen Einfachheit vier Takte aus Ralph Vaughan Williams' 5. Symphonie (3. Satz) ausgewählt. Diese vier Takte bilden das gesamte Material für die 60 Minuten Musik.
Indem aus einem kleinen Partitur-Sample-Window kleine »Grains« von Noten herauskopiert werden und in einem langen Copy-&-Paste-Prozess eine neue Partitur zusammengesetzt wird, entsteht eine Art musikalisches Standbild. Wie ein bewegtes Stillleben hören wir einen sehr kurzen Partiturausschnitt aus ständig leicht veränderter Perspektive. Es entsteht ein oszillierendes Klangbild, das auf instrumental-akustische Weise dem eines Phasing-Samplers entspricht.
Der lange Titel «»Seht meine Wunden und an meinen Beinen, die Narben meiner Wunden« (denn wir sind lange gewandert)» ist ein Zitat aus Édouard Glissants «Philosophie der Weltbeziehung» (Wunderhorn, 2021). Seine Philosophie ist vor allen Dingen auch eine Philosophie der Landschaft, die ihre Schönheit in den Differenzen und nicht im Vereinheitlichenden erkennt. Diese Komposition will genau das: durch die Wiederholung und der immer wieder neu unterschiedenen Perspektive möchte sie eine musikalische Klanglandschaft hervorbringen, die wir in einer langen, fast ritualhaften Prozession durchwandern. – Laure M. Hiendl

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