
| Der Schatz der stillen Dinge | |
|---|---|
| Zeit |
Freitag 31. Januar 2025
21:00 – 21:30 |
| Venue |
Kunstraum Walcheturm
Kanonengasse 20 CH-8004 Zürich |
| Genre | Performance |
| Teilnehmende | |
| Beschreibung | Geeignet für alle, die eine Weile den vergessenen Dingen nachlauschen wollen. |
| Programm | Martina Buzzi: «Ein nicht ganz dunkler Rand einer verlorenen Aureole» (2025) – – – «Im Zweifel für die Reste!» So fasst die Künstlerin Martina Buzzi das Ethos der Moderne zusammen. Damit spielt sie auf die Figur des Lumpensammlers an, die dieses Ethos wie keine zweite verkörpert: eine Anwältin der Abfälle, der stillen Dinge. Der Lumpensammler ist die Mensch gewordene Aussengrenze der städtischen Gesellschaft, betraut mit der Aufgabe, aus dem Marginalisierten etwas Verwertbares zu schaffen. In Buzzis Performance wird der Lumpensammler zur Lumpensammlerin, die sich aus dem städtischen in den häuslichen Raum versetzt findet. Noch immer widmet sie sich den stillen Dingen, sortiert, siebt, trennt sie wie einen Schatz. Und folgt ihnen schliesslich auf den Weg des Vergehens und Vergessens. Wer bleibt nun, um von diesen Dingen zu erzählen? – – – TICKETS Einzelticket 20–25 / 15 CHF Tickets für «Der Schatz der stillen Dinge» sind auch gültig für «Rethreading Weaves & 50 Hertz» und «Recyclinghof für gefundene Klänge». |
| Programm | ÜBER DIE KOMPOSITION «Ein nicht ganz dunkler Rand einer verlorenen Aureole» ist an das «Kyrie» von Johannes Ockeghem «Missa pro defunctis» angelehnt, in der eine liturgische Form der Anrufung zum Dialog mit einer unbekannten Grenze umformuliert wird. Dabei wird der Ort der Grenze zum musikalischen Raum. Das Requiem ist hier Bezugspunkt einer Symbolik, die sich aus Bedeutungsfeldern der Vergänglichkeit und Absenz herstellt und deren Symbolik entzogen bleibt. Vergänglichkeit wird zum dauerhaft verbleibenden Rest oder zur Lücke, die sich vollständigen sprachlichen und rationalen Erfassungen entziehen. «Ein nicht ganz dunkler Rand einer verlorenen Aureole» ist nicht Spiegelbild von Vergänglichkeit und Zerklüftung, sondern beschreibt absolut unvollständig eine mögliche Unvollständigkeit der eigenen Wahrnehmung. Dieser Zustand der Unvollständigkeit manifestiert sich in einem vergeblichen Versuch, den drei Stimmen innerhalb des Stückes eine gemeinsame Syntax zu geben. Die Fragmentierung zeigt sich nicht, sondern ist bloss blinder Fleck; ein Soetwas, das sich selbst nicht vollständig umfassen kann. Im Stück wird die Figur der Lumpensammlerin nach Gertrud Kolmar zur Metapher einer doppelten Bewegung: Sie sammelt, was sie zugleich ist. Durch das Einfügen in das Gesammelte und das gleichzeitige Abgrenzen entsteht eine Selbstverdoppelung, die eine Differenz zwischen Innen und Aussen hervorhebt. Innerhalb dieses «Passageraums» zwischen Innen und Aussen werden vertraute Ordnungen ausgesetzt oder aufgelöst. Die verschiedenen Stimmen des Gesangs und der Posaune verstimmen in einen Kanon, in dem eine Mezzosopranstimme auf Tape auf die Sängerin trifft. An Übergängen zwischen und durch diese verschiedenen Stimmen wird das Spektrale als musikalischer Zugang bedeutsam, Obertöne bilden das klangliche Material, das Ockeghems «Kyrie» nicht ablöst, sondern dieses bis in ihre Intervallstrukturen hinein zerlegt und elektronisch transformiert wird. DIE PEITSCHE!!! Diese Techniken brechen das historische Kyrie-Gefüge auf, indem sie durch Abweichungen und Interferenzen das Original dissoziieren. Die zeitgenössische Bearbeitung von Ockeghems «Kyrie» wird durch Shepard-Töne unterwandert, sodass immer neue Brüche und Momente des Unmöglichen eintreten. Das Stück ist sowohl ein Prozess permanenter Transformation als auch ein andauerndes Zerbrechen, in dem Diskontinuitäten abrupt in Erscheinung treten. Wo ein Zentrum in Sicht gerät, wird es durch weitere Schichten, mikrotonale Verschiebungen und Rhythmusbrüche erneut in Frage gestellt. Selbst wo kurz Klarheit aufscheint, zerfällt sie im nächsten Augenblick. Es erwächst der Eindruck einer fortlaufenden Vervielfältigung, die zugleich zerbröckelt. Deren Dissonanzen führen einen kontinuierlichen Dialog der Differenzen, eine diskontinuierliche musikalische Beziehungsstruktur. Form ist hier durch die permanente Veränderung von Texturen sowie durch die andauernde Neustrukturierung des Materials abgestraft. Die konservative Anordnung der Intervallverbände formuliert eine zerstückelte Kontinuität, in der melodische Reste den üblichen grossformalen Prozessen untergeordnet bleiben. Das «Kyrie» gerät in den Zustand einer persönlichen Pastiche, die das Nichtgreifbare zum Kern des Materials macht und die vorherige Geschlossenheit des Satzes auflöst. Jede angedeutete Ordnung bleibt vorläufig, wodurch ihre Spur unverzüglich wieder verschwindet. Martina Buzzi |
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| Photo Credit | Badesaison |
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